Zweifler an der gemeinsamen Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung gibt es bis heute und gab es damals um so mehr. Damals, als initiative Eltern und PädagogInnen enorme Zeit, Energie und Geduld investierten und ihre hohe Frustrationstoleranz bewiesen. Ein Abriss der Entwicklung in Österreich seit den 70er‑Jahren.
Nach dem Krieg wurden Sonderschulen gegründet, die behinderten Kindern erstmals den Zugang zum Schulsystem ermöglichten, Vorteil: spezielle Förderung, Nachteil: Absonderung von der übrigen Gesellschaft (für Betroffene und Angehörige).
Vorreiter für Schulintegration in Europa waren Italien und Skandinavien.
1974
1. Schulversuch einer Integrationslasse – gescheitert, weil
-
keine Einbindung von betroffenen Eltern (Initiative der Schulbehörden)
-
nicht an geistig behinderte Kinder gedacht
-
keine ausreichend organisatorische Vorarbeit (Lehrer, Materialien, Lehrplan, usw.).
1982
-
Entwurf für ein erstes Integrationskonzept fertiggestellt
-
von der "Basis" erstellt (Sonderschullehrerin und Schulpsychologin)
-
verschiedene Behinderungsformen als zu schwerwiegend für Integration angesehen
-
von Schulbehörden als nicht umsetzbar abgelehnt.
1982/83
-
Einführung von Stützlehrern zur Förderung von Kindern mit Teilleistungsschwächen.
1984
-
Konzept "Grundlinien für einen Schulversuch Sozialintegrative Schule" fertiggestellt.
-
500 Exemplare an Politiker, Schulbehörde, Lehrverein, Wissenschaftler und Schulen verschickt
-
Konzept wird später vom Ministerium weitgehend unverändert übernommen
-
Versuch, eine Integrationsklasse nach obigen Konzept zu realisieren, wird von den Behörden abgelehnt und jede Lehrerinitiative verboten.
1984/85
-
Erste Integrationsklasse wird auf Eltern‑Initiative und mit Hilfe von Presse und Rundfunk gestartet (Oberwart, Burgenland):
-
noch ohne gesetzlicher Regelung
-
gegen massive Widerstand der Schulbehörde
-
sehr gutes Feedback der unmittelbar Betroffenen, jedoch nach wie vor große Vorbehalte in der Öffentlichkeit.
1985
-
Erstmals Symposium zum Thema Schulintegration (in der Folge jährlich in immer anderen Bundesländern):
-
Öffentlichkeitsarbeit
-
gemischtes Publikum (Fachleute, Politiker, Behörden, Eltern).
1985 – 1987
-
Weitere Integrationsklassen in Kalsdorf (Steiermark) und Weissenbach (Tirol) werden aufgemacht, es bleiben aber vorerst Einzelfälle, die noch dazu noch immer nicht gesetzlich geregelt sind.
1986 – 1988
-
Verstärkte positive Resonanz bei Politikern und Wissenschaftlern, aber noch keine verbindlichen Gesetze.
1988
-
Schulpsychologisches Gutachten bestätigt Erreichung der Ziele sowohl im "sozialen Lernen" als auch in der "schulischen Leistung". Hauptgrund: Hohes Engagement, Kompetenz und enge Zusammenarbeit von Lehrern und Eltern, kleine Klassenschülerzahl (max. 20, davon 4 behindert), individuelle Unterrichtsgestaltung.
-
Offizielle gesetzliche Genehmigung von integrativen Schulversuchen (mit stark einschränkender Auflage: I‑Klassen max. 10 % der Sonderschul‑Klassen pro Bundesland!).
bis 1993
-
Gründung zahlreicher weiterer Integrationsklassen (sogar erste integrierte Klassen in höheren Schulstufen (AHS).
-
Neue Klassen trotz Genehmigung immer nur über "Kampf" engagierter Eltern ("Gnade statt Recht")
-
Auslaufen der gesetzlichen Regelung 1993 drohte
-
massiver Einsatz von Eltern‑Initiativen (Petitionen, Sternfahrt, Round‑Table‑Gespräch, Kinder‑Pressekonferenz – Parteienvertreter, Unterrichtsminister, Bundespräsident, Medien, Unterrichtsausschuss).
Juli 1993
-
Gesetzliche Verankerung des Rechts auf integrative Schulausbildung in der Grundschule (Klassenschülerzahl: 16+4, Zweitlehrer).
November 1996
-
Erweiterung auf die Sekundarstufe (Hauptschule und Unterstufe AHS), allerdings mit 20+5, Direktor Sonderschule = Leiter SPZ.
Aktueller Status
-
Breites Grundangebot an Schulen mit integrativ geführten Klassen (vor allem in Steiermark und Wien, weniger in übrigen Bundesländern).
-
Integrationsrate im Bundesdurchschnitt rd. 50 %, mit großen Unterschieden innerhalb der Bundesländer (von 80 % in der Steiermark bis 35 % in Vorarlberg)
-
Erfolgreiche Umsetzung hängt vor allem vom persönlichen Engagement und Zusammenarbeit der Lehrer und Eltern ab
-
Unter stetig steigendem Kostendruck ist ein verstecktes Absinken der Qualität im integrativen Unterricht festzustellen (weniger Lehrer, weniger Lernmaterialien, weniger gemeinsame Ausflüge, fehlende Nachmittags-Betreuungsangebote).
Ausblick: Absicherung des Erreichten (Sparmaßnahmen der Regierung generell und speziell im sozialen Bereich, zunehmender Kampf um Ressourcenverteilung innerhalb immer mehr Gesellschaftsschichten, Dominanz der Wirtschaft).
-
Erweiterung um folgende Punkte:
-
Gesetzlicher Anspruch bis zum Ende der Schulpflicht
-
Sekundarstufe 2 (Berufsausbildung, AHS-Oberstufe).
(Nachdruck mit freundlicher Erlaubnis der Lebenshilfe Wien. Einen ausführlichen Artikel über die Entwicklung der schulischen Integration in Österreich finden Sie in einem Artikel von Otto Anlanger.)


