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Lebenshilfe Österreich: Mitten im Leben. Ganz selbstverständlich.

Die Lebenshilfe Österreich setzt sich seit 40 Jahren für die Rechte von Menschen mit intellektueller Behinderung ein. Mit dem Sachwalter-Gesetz oder der begünstigten Familienbeihilfe wurden sozialpolitische Meilensteine gesetzt. Viele Herausforderungen liegen noch vor uns: die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen ist wohl die größte.

(es*) Ihren 40. Geburtstag feierte die Lebenshilfe Österreich voriges Jahr im Jugendstiltheater mit über 300 Gästen. Der Abend, der nicht nur durch die Performance der bekannten Danceability-Tanzgruppe begeisterte, stand ganz unter dem Motto: "Mitten im Leben. Ganz selbstverständlich." Die Botschaft ist, dass Menschen mit Behinderungen mitten in unserer Gesellschaft leben, selbstbewusst und selbstverständlich. Leider sieht der Alltag vielerorts anders aus. Die 36-jährige Helga Steinlechner, mit Down-Syndrom geboren und seit 10 Jahren bei der Lebenshilfe Reutte im Büro tätig, beschreibt die Reaktionen ihrer Umwelt so: "Wenn ich mir ein Buch in der Buchhandlung kaufen möchte, dann werde ich oft nicht ernst genommen. Wenn ich aber mit meiner Mama hinkomme, dann ist es besser. Dann merke ich – aha – da werde ich dann "normal" behandelt."

Wie ist die Lebenshilfe Österreich entstanden?

Die Lebenshilfe Österreich entstand 1967 aus Interessensgemeinschaften von Eltern behinderter Kinder, Sonderschullehrern und Fachärzten. Es gab bereits Lebenshilfe-Vereine in der Steiermark und in einigen anderen Bundesländern. Man traf sich, um gemeinsam die Forderungen an Politik und Öffentlichkeit zu stellen.

Anfang der 60er Jahre wurden die ersten Werkstätten in der Steiermark eröffnet. Es folgten Arbeits- und Wohneinrichtungen in ganz Österreich. 1973 kam dann ein großer politischer Durchbruch: die Eltern erhielten erstmals die doppelte Familienbeihilfe für ihre behinderten Kinder. 1978 wurde die "Bildungsunfähigkeit" aus dem österreichischen Schulrecht entfernt, 1984 trat das neue Sachwalterrecht anstelle der Entmündigungsordnung in Kraft, und 1991 wurde mit dem Unterbringungsgesetzes verhindert, dass Menschen mit intellektueller Behinderung in psychiatrische Anstalten untergebracht wurden.

Begleitung in jeder Lebensphase

Die Interessensgemeinschaft entwickelte sich – nicht zuletzt dank ihrer Mitglieder – im Laufe der Jahre zu einem professionell geführten Dachverband. Die Mitglieder der Lebenshilfe Österreich sind 8 unabhängige Landesvereine in den Bundesländern Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Und die Landesvereine sind es auch, in denen die eigentliche Begleitung von Menschen mit Behinderungen stattfindet. Die Angebote richten sich nach den Lebenszyklen und vor allen nach den individuellen Bedürfnissen von intellektuell und mehrfach behinderten Menschen.

Wichtig ist dabei, dass die Begleitung der Menschen mit Behinderungen in zwei Milieus stattfindet – im Wohnbereich und im Arbeitsbereich. So gibt es beispielsweise alleine im Wohnbereich sieben verschiedene Begleitungsmodelle, vom mobil betreuten Wohnen bis hin zur Intensivbetreuung rund um die Uhr. Gegenwärtig werden besondere Anstrengungen unternommen, um Menschen mit Behinderungen an den Arbeitsmarkt heranzuführen und dabei zu begleiten.

Die Lebenshilfe Österreich selbst tritt als österreichweite Interessenvertretung von Menschen mit intellektueller Behinderung gegenüber Politik und Gesellschaft auf und stellt den Kontakt zu anderen Dienstleistungsanbietern und internationalen Organisationen her. Seit den 80er Jahren werden Tagungen und Konferenzen organisiert, auf denen hochrangige Experten zu aktuellen Themen referieren und Menschen mit Behinderungen ihre Anliegen selbst zur Sprachen bringen. Darüber hinaus betreibt die Lebenshilfe Österreich die größte Fachbibliothek Österreichs zum Thema intellektuelle Behinderung und bietet im Rahmen der Lebenshilfe-Akademie Weiterbildungskurse und Lehrgänge für BegleiterInnen, behinderte Menschen und Angehörige.

Gesellschaftliche Inklusion ist die Zukunft

Eine inklusive Gesellschaft zu fördern, ist eine der zentralen Forderungen der Lebenshilfe Österreich. Für intellektuell behinderte Menschen bedeutet das konkret, dass sie in private, gesellschaftliche und soziokulturelle Netzwerken eingebunden sind. Im Freundeskreis, in der Nachbarschaft genauso wie im Kulturverein oder in der öffentlichen Schule. Der internationale Kongress Europe in Action 2008, der von der Lebenshilfe Österreich gemeinsam mit Inclusion Europe organisiert wird, beschäftigt sich mit dem Thema der Inklusion im Bildungsbereich. "Wie funktioniert eine inklusive Schule und welche Rolle hat die Inklusion in der Bildung?" sind die zentralen Fragen, die vom 10. bis 12. April im Kardinal-König Haus in Wien gemeinsam mit internationalen Bildungsexperten diskutiert werden.

Albert Brandstätter, Bundesgeschäftsführer der Lebenshilfe, sieht die Inklusion als riesige Herausforderung an das herkömmliche Schulsystem und die Berufsausbildung „Inklusion geht einen Schritt weiter als Integration: Wo Integration von Defiziten des Menschen mit Behinderungen ausgeht und ihn in ein System integrieren will, geht umgekehrt Inklusion von den Defiziten der Gesellschaft aus. Inklusion in der Schule bedeutet, dass Ausgrenzung durch eine veränderte Schulkultur, die Verschiedenheiten aktiv fördert, verhindert wird.“

Oft sind es Selbstverständlichkeiten, die Menschen mit intellektueller Behinderung kaum oder nie erleben können. Zum Beispiel haben sie oft als „Erwerbsunfähige“ keinen Anspruch auf Sozialversicherung. Hier und in vielen anderen Bereichen wie in der Gesundheitsvorsorge oder in der Pflege ist noch viel zu leisten. Vor allem aber ist es das öffentliche Bewusstsein, das für ein Leben des Miteinanders weiter gestärkt werden muss. Beim Lebenshilfe-Kongress für SelbstvertreterInnen haben es zwei Teilnehmer auf den Punkt gebracht. "Niemand hat sich ausgesucht, wie oder wer er ist. Wir sind ganz normale Menschen."

* Mag. (FH) Eva Schrammel ist Leiterin der Abteilung Marketing und Kommunikation der Lebenshilfe Österreich

Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (ÖAR)
Dachorganisation der Behindertenverbände Österreichs

1010 Wien, Stubenring 2/1/4, E-Mail: dachverband@oear.or.at

Tel.: +43 1 5131533, Fax: +43 1 5131533-150

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