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Publikationen der ÖAR


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Jänner 2006

Ärztekammer: Standesethik vergessen?
Der Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer, Dr. Jörg Pruckner, hat in der Österreichischen Ärztezeitung (Nr.
21/2005 vom 10.11.2005) skandalöse Sätze formuliert, die geeignet sind, den Ruf des gesamten Standes zu schädigen.
In einem Artikel über die Verzögerung der Umsetzung der Verordnung zur Qualitätssicherung in den ärztlichen Ordinationen findet sich folgender Textteil:
Die nun wieder vom Ministerium eingebrachten Änderungswünsche sind den Aussagen des Bundeskurienobmannes zufolge "Schikane und Willkür. Das hat mit dem Arzt-sein nichts mehr zu tun." Ein laut Pruckner typisches Beispiel: der barrierefreie Zugang in alle Ordinationen. "Das ist nicht möglich und sinnlos, es ist auch keiner Diskussion würdig," betont der Niedergelassenen-Chef.
Eduard Riha, Generalsekretär der ÖAR, ist fassungslos: "Seit Jahren bemühen wir uns, konstruktive Gespräche darüber zu führen, wie nach und nach mehr Arztpraxen zugänglich gemacht werden können und - irgendwann in Zukunft - alle erreichbar sind. Und dann so ein Satz. Die freie Arztwahl wird von den Ärzten als Wert wohl nur dann hochgehalten, wenn's darum geht, dass die eigene Praxis gewählt wird und fette Gewinne gesichert sind. Die Situation des behinderten Patienten, der enorme Wege unter Mühen auf sich nehmen muss und letztlich nicht den Arzt seiner Wahl aufsucht, sondern bloß den zu dem er Zutritt hat, ist - jedenfalls der Standesvertretung - gleichgültig."
Ein beliebig gewähltes Beispiel zeigt die Dramatik der gegenwärtigen Situation: In Wiener Neustadt sind von 116 untersuchten Arztpraxen weniger als 7 % stufenlos erreichbar! (Quelle: Eibischzuckerl, Straßenzeitung für den Raum NÖ-Süd) Die Vorschläge der behinderten Menschen sind moderat und in drei Punkten kurz zusammenzufassen: Neue Praxen, jedenfalls solche mit Kassenverträgen, sollten nur mehr in barrierefreien Räumlichkeiten geschaffen werden. Bestehende, unzugängliche Praxen sollten auf ihre Adaptierbarkeit geprüft und nachgerüstet werden; für solche Nachrüstungen werden vom BMSG seit Jahren stattliche Fördergelder bereitgestellt.
Arztpraxen, deren Zugänglichkeit partout nicht hergestellt werden kann, sollten bei Pensionierung des Arztes nicht weitergeführt beziehungsweise an einen barrierefreien Standort verlegt werden - schließlich haben Praxisräume keinen musealen Wert, der die Erhaltung des Standortes unabdingbar notwendig macht.
"Fiele ein Satz wie jener von Pruckner an einem beliebigen Stammtisch, könnte man sagen jemand hatte ein Bier zuviel und daher mal die Sau rausgelassen und zur Tagesordnung übergehen. Einem Standesvertreter der Ärzteschaft ist allerdings anzuraten, seine Position zu überdenken, nicht zuletzt angesichts des mit 1. Jänner 2006 in Kraft getretenen Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes. Außerdem sind solche Aussagen ein Schlag ins Gesicht jener Kollegen, die in den letzten Jahren ihre Praxis bewußt zugänglich gemacht haben" stellt Riha abschließend fest.

Wien, 9.1.2006

Vorbildlich: ÖBB-Infrastruktur
Der zur Jahrtausendwende begonnenen, intensiven Zusammenarbeit zwischen ÖBB-Infrastruktur und den Organisationen behinderter Menschen folgen immer mehr konkrete Ergebnisse. Bahnhofneu- und -umbauten der ÖBB brauchen den europäischen Vergleich nicht zu scheuen.
Die intensive Zusammenarbeit der ersten Jahre hat zu gemeinsam festgelegten, technischen Regelungen geführt, die nun zügig umgesetzt werden. Dass die entstehende Barrierefreiheit für die ÖBB-Infrastruktur aufgrund der Vereinbarungen auch noch preiswert ist (barrierefrei aber keine höheren Kosten), ist der volkswirtschaftlich und betriebswirtschaftlich positive Begleiteffekt.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen, die Bilanz Ende 2005 spricht für sich:
* 83 Kilometer Blindenleitsystem auf 85 österreichischen Bahnhöfen (für diese Lösung hat die "Österreichische Arbeitsgemeinschaft für die Verkehrssicherheit visuell behinderter Menschen" gemeinsam mit der ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG einen Preis des Lafarge Award erhalten)
* Bereits 78 neue Aufzüge, die nach dem gemeinsam erarbeiteten Pflichtenheft gestaltet sind.
* Service Center der Bahnhöfe und die neuen "Info-Points" (Informationsstände, die komplett vorgefertigt in großen Bahnhöfen aufgestellt werden) sind mit induktiven Höranlagen für schwerhörige Menschen mit Hörgeräten ausgestattet.
* Verbesserungen für schienengleiche Bahnsteigzugänge ("Modell Bad Aussee", so genannt, weil in diesem Bahnhof die erste Teststrecke liegt) sind im Entstehen. Kunststoff-Formteile füllen den Spalt zwischen den Betonplatten des Übergangs und den Schienen, damit wird die Überfahrt für Rollstuhlfahrer erleichtert und Stolperfallen für Fußgänger entschärft. Zu diesen Leistungen, die selbstverständlich an weiteren Bahnhöfen zu Einsatz kommen, werden für 2006 weitere erwartet:
* Ein Notruf für gehörlose Menschen ist im Entstehen (Kooperationspartner: ÖBB-Infrastruktur, Bundesministerium für Inneres, ÖAR, bizeps, ÖGLB, WITAF) * Verbesserungen des SMS-Service für gehörlose Menschen und Rollstuhlfahrer werden vorgenommen (Abfrage von Zugverspätungen und Kontrolle, ob ein rollstuhltauglicher Wagen im Zugsverband ist), ein Angebot, das mit dem 1. Preis des "Report Mobile Application Award 2004" ausgezeichnet wurde.
* Verbesserung der optischen Informationen auf Bahnhöfen, bessere Monitor-Darstellungen für sehbehinderte Menschen.
* Transparente Darstellung des Standes der Barrierefreiheit für Reisende (Infrastruktur-Datenbank)
Eduard Riha, Generalsekretär der ÖAR, im Kommentar zur langjährigen Kooperation mit der ÖBB-Infrastruktur: " Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen und ist mit ziemlicher Sicherheit auch benchmark (Bezugsnorm, Richtwert) für den europäischen Bahnhofsbau. Die bisherigen Erfahrungen lassen uns daher auch den notwendigen Verhandlungen (im Zusammenhang mit dem am 1. Jänner in Kraft getretenen Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, BGStG) gelassen entgegensehen. Wenn andere gesellschaftliche Gruppierungen, die ebenfalls vom
Gesetz beauftragt sind, Gespräche über Barrierefreiheit zu führen, sich an dieser Erfolgsgeschichte kooperativen Handelns orientierten, wären rasche, konfliktfreie Fortschritte zu erzielen".

Wien, 10.1.2006

Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (ÖAR)
Dachorganisation der Behindertenverbände Österreichs

1010 Wien, Stubenring 2/1/4, E-Mail: dachverband@oear.or.at

Tel.: +43 1 5131533, Fax: +43 1 5131533-150

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