Wir sehen anders!
75 Jahre Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs
In diesem Jahr feiert die größte Selbsthilfeorganisation für blinde und sehbehinderte Menschen in Ostösterreich ihr 75-Jahre-Jubiläum.
(hb*) 1935, am 20. August, fand die konstituierende Generalversammlung der "Hilfsgemeinschaft der später Erblindeten Österreichs" unter der Leitung von Jakob Wald, der schon in den Zwanziger Jahren im Blindenwesen aktiv war, statt. Der Verein konnte jedoch nur wenige Jahre arbeiten, denn 1938 wurde die Hilfsgemeinschaft zwangsweise in den Reichsdeutschen Blindenverband eingegliedert. Nach Kriegsende, im Jahr 1946, wurde die erste Generalversammlung nach der behördlichen Reaktivierung abgehalten und Jakob Wald zum Obmann gewählt. Sowohl das Vereinshaus als auch das vor dem Krieg vorhandene Vermögen waren verloren, mit wenig Geld musste buchstäblich wieder bei Null begonnen werden.
Eine Verkaufsabteilung für Blindenwaren und eine Nähstube wurden eingerichtet, besonders bedürftige Mitglieder erhielten finanzielle Unterstützung und kleine Geschenke zu den Festen im Jahreskreis, sowie kostenlose Sozialberatung. Während der ersten Jahre war die vordringlichste Aufgabe der Hilfsgemeinschaft, die Armut blinder Menschen zu lindern. 1949 wurde die Aktion "Blinde aufs Land" gestartet, alle Mitglieder wurden zu einem kostenlosen dreiwöchigen Urlaub eingeladen. Bis heute führt die Hilfsgemeinschaft zwei Seniorenwohnhäuser in Niederösterreich, die als Vorreiterprojekte für barrierefreies Bauen gelten. Das Haus Harmonie bei Neulengbach und das Haus Waldpension in der Buckligen Welt bieten blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen optimale Bedingungen für einen erholsamen Urlaub oder Dauerwohnen.
Robert Vogel wurde 1952, nach dem Tod Jakob Walds, mit der Gesamtleitung der Hilfsgemeinschaft betraut. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche gesellschaftliche und politische Errungenschaften, die zur Erleichterung des Alltags blinder und sehbehinderter Menschen beitrugen, durchgesetzt. Mit dem Erfolg wurde die Organisation immer größer und ein entsprechend großes Vereinshaus wurde gesucht. In der Treustraße 9 im 20. Bezirk war die Hilfsgemeinschaft 50 Jahre lang beheimatet, seit dem Jahr 2005 besteht das moderne, barrierefreie Beratungszentrum in der Jägerstraße 36. Seit 2009 gibt es auch im 9. Bezirk in der Alserbachstraße einen Standort, um den vielen Gruppen Raum für ihre Aktivitäten bieten zu können. Zusätzlich zu den zwei Standorten in Wien und den beiden Häusern in Niederösterreich gibt es 19 Bezirksgruppen in Wien und den Bundesländern, die das Serviceangebot der Hilfsgemeinschaft direkt zu den Menschen bringen.
Die Hilfsgemeinschaft wird mittlerweile von Irene Vogel, der Enkelin von Robert Vogel, geleitet. "Wir arbeiten aktiv an der Gestaltung einer barrierefreien Umwelt für blinde und sehbehinderte Menschen. Dazu gehört auch, dass die von Österreich ratifizierte UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in der Praxis umgesetzt wird und das Behindertengleichstellungsgesetz im Alltag blinder und sehbehinderter Menschen Wirkung zeigt" antwortet Geschäftsführerin Irene Vogel auf die Frage nach den Zielen für die nächsten Jahre.
Ein Schwerpunkt liegt auf dem Abbau bestehender Barrieren. Die Hilfsgemeinschaft wurde unter anderem für die barrierefreien Websites www.football4all.eu und www.hilfsgemeinschaft.at ausgezeichnet. Nach wie vor stehen natürlich die konkreten Serviceleistungen für die Mitglieder im Vordergrund aller Aktivitäten. Die Mitgliedschaft und viele Angebote der Hilfsgemeinschaft sind gratis. Die Sozialberatung bietet unter anderem Unterstützung bei der Beantragung und Durchsetzung des Anspruchs auf Pflegegeld, Low-Vision-Beratung und Hilfsmittelberatung. Die Mitglieder schätzen die freundlichen und geduldigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die bei der Bewältigung von durch die Sehbehinderung entstandenen Problemen im Alltag helfen.
Freizeitgestaltung ist für blinde und sehbehinderte Menschen ebenfalls ein wichtiges Thema. Vor allem jene, die ihr Augenlicht im Laufe ihres Lebens verloren haben, leiden sehr darunter, liebgewonnene Tätigkeiten nicht mehr ausüben zu können. Die Plattform football 4 all ist ein weiteres erfolgreiches Beispiel für das Engagement der Hilfsgemeinschaft auch in diesem Bereich. Beginnend mit der EURO 08 wurde in Zusammenarbeit mit anderen Vertretern von Behindertenorganisationen erreicht, dass Fußballspiele von Fans mit Sehbeeinträchtigung sowohl im Stadion als auch im Fernsehen mit Audiokommentar zu verfolgen sind.
In 75 Jahren ändert sich viel. Gesellschaftliche Veränderungen und neue Medien erfordern auch neue Kommunikationsstrategien. Mit der Informations- und Aufklärungskampagne "Wir sehen anders" trat die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs mit der Comicfigur Humphrey mit viel Humor dem Klischee der mitleiderregenden blinden Almosenempfänger entgegen. Auch für ihren ungewöhnlichen, witzigen TV-Spot "Blinde Piloten", der ebenfalls im Rahmen der Kampagne "Wir sehen anders" entstanden ist (Details dazu unter www.wirsehenanders.at) hat die Hilfsgemeinschaft internationale Anerkennung erhalten.
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*) Helga Bachleitner leitet die Öffentlichkeitsarbeit der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs
